Charakter-Perspektiven visuell darstellen mit Tinderbox

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Tinderbox ist ein Programm für den Mac (eine Windows-Version ist in Arbeit, allerdings schon verdächtig lange), mit dem man Notizen erstellen und visuell verwalten bzw. darstellen kann. Genau genommen kann man Notizen auf vielerlei Arten darstellen und verwalten, und da beginnen schon die Probleme. Vor allem die Probleme, zu beschreiben, was Tinderbox eigentlich ausmacht.

Den Versuch, diese Nuss zu knacken, werde ich mir erst einmal ersparen, stattdessen möchte ich in medias res gehen und einfach einen der vielen möglichen Anwendungszwecke aufzeigen.

Das Problem:
Man schreibt einen Roman, mit mehreren wichtigen Figuren. Jede dieser Figuren hat mehrere wichtige Eigenschaften, doch nicht jeder weiß alles über jeden.
Da man als Autor jedoch den Überblick darüber behalten muss, wer genau was über wen weiß, muss eine Möglichkeit her, die Blickwinkel der einzelnen Figuren zu visualisieren.

Die Lösung, wie oft bei derartigen Problemen: Tinderbox.

Als erstes erstellt man eine Karte, auf der die relevanten Charaktere jeweils eigene “Adornments”, also Arbeitsbereiche bekommen.

Da hätten wir also unseren Protagonisten Hans, seine Freundin Orange und deren Vater Rüdiger.
Hans ist ein junger, dynamischer Mann, der im Beruf wie im Privatleben recht erfolgreich ist, da er echte Kreativität besitzt und sich auch nicht ziert, in den einen oder anderen Hintern zu kriechen, wenn es seiner Karriere förderlich ist.
Seine Freundin Orange ist im Allgemeinen ein herzensgutes Wesen. Unter der Oberfläche brodelt jedoch eine Menge angestaute Wut, vor allem auf ihren Vater, da der ihr den Namen Orange gab.
Der Vater, Rüdiger, ist ein mehr oder weniger ehemaliger Hippie, der sich freut, dass seine Tochter in ihrer Beziehung glücklich ist. Hans toleriert er eher, als dass er ihn wirklich mag, denn im Gegensatz zu Orange erkennt er den Opportunisten in Hans sehr wohl.

Also, fix die einzelnen Eigenschaften in Form einzelner Notizen in die Karte eingepflegt.

Um die Blickwinkel der einzelnen Figuren darzustellen, braucht es lediglich eine weitere Notiz pro Figur, die einfach an den Rand des Adornments gepackt wird.

Jetzt werden ganz simpel Verbindungen von der übergeordneten Notiz zu all den Charaktereigenschaften gezogen, die derjenige erkennt. Hans z.B. sieht sich selbst zu Recht als kreativ an, gesteht sich jedoch nicht ein, dass er opportunistisch ist. Von Orange hat er bislang nur die netten Seiten kennengelernt, das Verhältnis zu Rüdiger ist eher gespannt.

Die Blickwinkel von Orange und Rüdiger werden genau so markiert. Rüdiger sieht vor allem Hans’ Opportunismus, während Orange davor die Augen verschließt und nur die guten Seiten sieht.

Es ist leicht zu erkennen, dass eine derartige Karte schnell unübersichtlich wird, wenn die Figuren zahlreich werden und mehr Eigenschaften bekommen.

Mit den bisherigen Versionen von Tinderbox konnte man dem Problem beikommen, indem jede Figur ihre eigene Farbe bekam und die Verbindungen in der jeweiligen Farbe gehalten wurden. Das sah dann z.B. so aus:

Damit kann man schon arbeiten. Wenn Figuren und Eigenschaften mehr werden, zieht man das Ganze auseinander und die Verhältnisse werden klarer.
Ganz optimal ist es aber noch nicht, z.B. wenn man mit den Farben etwas anderes markieren will (z.B. grün für Figuren, Orange für Orte, Grau für Interessensgruppen o.ä.).

Hier kommt eine Funktion ins Spiel, die in der neuesten Tinderbox-Version eingeführt wurde, und zwar das automatische Dimmen nicht-angewählter Notizen.
Soll heißen, wenn man eine Notiz anwählt, von der aus Verbindungen zu anderen Notizen gehen, werden all die Notizen ausgeblendet, die von diesen Verbindungen nicht betroffen sind.
Wenn man also Rüdiger anwählt, sieht die Karte folgendermaßen aus:

Und da die Verbindungen nicht mehr primär durch die Verbindungslinien deutlich werden, sondern durch die Deckkraft der Notizen selbst, bleibt es auch ohne die farbliche Untermalung übersichtlich:

Was sich auf einem Photo nicht festhalten lässt: Die kleinen Lücken in den Verbindungslinien wandern vom Start zum Ziel, d.h. man sieht auch gleich, in welche Richtung die Verbindung geht.
Das ist in diesem konkreten Fall irrelevant, bei einigen anderen Verwendungszwecken (spontan wäre z.B. ein Stammbaum denkbar) ist es jedoch sehr hilfreich.

Das Konzept kann natürlich für verschiedenste Zwecke adaptiert werden.
Beispiel Medizin:
Adornments für Krankheitsbilder, mit Notizen für Symptome.
Dazu Adornments für Behandlungsmethoden (Medikamente, Kuren usw.) mit Notizen für Nebenwirkungen.
Und weil’s gerade Spaß macht: Adornments für Krankenkassen, mit Verbindungen zu Behandlungen, die sie bezahlen.

Tinderbox ist zu Beginn sehr einschüchternd, da es die endlosen Möglichkeiten in einem trügerisch schlichten Gewand versteckt.
Doch die Eingewöhnung lohnt sich, das oben Gezeigte ist nur der Hauch eines Kratzens an der Oberfläche.
Eventuell werde ich weitere Einträge nachreichen, während ich mich weiter in das Programm einarbeite. Für jetzt erstmal: Danke für’s Lesen